Ein trauriger Spaß! Unsere Kritik zu Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Die Meyerhoff-Verfilmung macht die Bühne zum tragikomischen Ort

Von Carlos Corbelle Fraga am 4 min Lesezeit

Mit seinem autobiographischen Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" hat Joachim Meyerhoff einen Bestseller gelandet. Nun wagt sich Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven an eine Verfilmung des Stoffes. Kann die Tragikomödie mit Bruno Alexander in der Rolle des hadernden Schauspielschülers Joachim überzeugen? Wir verraten es in unserer Filmkritik!

Tragischer Verlust

Familienkomödie, Theaterdrama, Coming-of-age-Film: Simon Verhoevens "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist vieles. Vor allem aber ist es ein Film, der dem Titel entsprechend um eine Leerstelle kreist. Um die "entsetzliche Lücke", die bleibt, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Im Falle des jungen Protagonisten Joachim (Bruno Alexander) ist es der Tod des Bruders. Das erfahren wir gleich zu Beginn, als der 20-Jährige seine ersten Erfahrungen an der Schauspielschule macht und während einer seltsam anmutenden Übung an den Autounfall denken muss, der seinen Bruder einst das Leben kostete. Der tragische Verlust schwebt damit von Anfang an über all den anderen Ereignissen, die wir in Verhoevens Tragikomödie sehen werden. Nichtsdestotrotz wird es gerade zu Beginn überaus komisch. Was vor allem an den Großeltern des Protagonisten liegt.

Willkommen bei Inge und Hermann

Als Vorlage für "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" diente der gleichnamige Roman von Joachim Meyerhoff. Das 2015 erschienene Buch bildet den dritten von bisher sechs Teilen seiner autobiographischen Bestseller-Reihe "Alle Toten fliegen hoch" und erzählt von seiner Zeit auf der Schauspielschule sowie dem Leben bei seinen Großeltern. So auch Verhoevens Verfilmung: Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) leben in einer Villa in München und nehmen Joachim als neuen Mitbewohner unter ihre Fittiche, als der angehende Theaterschauspieler zu seiner eigenen Überraschung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule angenommen wird. Die einst gefeierte Schauspielerin und der ehemalige Philosophieprofessor empfangen ihren Enkel mit offenen Armen - und im Falle des Großvaters mit einem Kuss, der Joachims Lippen unangenehm nahe kommt. Ein erstes Indiz dafür, dass die beiden eine ganz eigene, leicht kauzige Art haben, die sie im Laufe des Films jedoch zunehmend liebenswert macht. Was sich unter anderem im morgendlichen Synchrongurgeln im Badezimmer, in den hygienebedingten Plastiküberzügen für die Küchenstühle und feuchtfröhlichen Alkoholexzessen am Abend äußert.

Bild zu ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE Trailer German Deutsch (2026)

Die Szenen zwischen Joachim, Inge und Hermann machen durchaus Spaß, was vor allem an der stimmigen Chemie zwischen Bruno Alexander, Senta Berger und Michael Wittenborn liegt. Am besten funktioniert der Humor in den gemeinsamen Szenen der drei Protagonisten, wenn das Skurrile ganz beiläufig daherkommt. Etwa dann, wenn der Korken einer Flasche nach oben schießt und bloß einen flüchtigen Augenblick lang die unzähligen Dellen an der Decke offenbart, die ohne Worte klarmachen: Hier knallen die Sektkorken wohl 365 Tage im Jahr! Nichtsdestotrotz wird das Kauzige an den Großeltern gerade am Anfang oft so überbetont, dass man kurz befürchtet, der Film würde bald vollends ins Alberne kippen. Doch bevor es soweit kommt, gelingt Regisseur und Drehbuchautor Verhoeven ein kleines Kunststück: Der Film kippt nicht ins Alberne, sondern umarmt es geradezu. Allerdings auf eine Weise, die alles andere als albern wirkt. Wie er das schafft? Indem er uns über weite Strecken des Films ganz tief in die Welt der Schauspielausbildung eintauchen lässt – und die funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen, die das vermeintlich Alberne notwendig erscheinen lassen.

Mit den Brustwarzen lächeln

So ist der Mix aus Tragik und Komik immer dann am überzeugendsten, wenn wir Joachim dabei zusehen dürfen, wie er sich an der Otto-Falckenberg-Schule von einer Übung zur nächsten quält. Mal muss er gemeinsam mit seinen Klassenkameraden in die Rolle eines lauten Motors schlüpfen, mal gilt es, zur zappelnden Spaghetti im heißen Kochtopf zu werden. Oder zu lächeln. Aber nicht mit dem Mund, sondern mit den Brustwarzen. Klar, wie auch sonst? Das ist nicht nur ungeheuer komisch anzuschauen, sondern angesichts der zunehmenden Verzweiflung des bemühten Protagonisten auch ziemlich bitter. Vor allem in den Augenblicken, in denen es nur vordergründig um die Schwierigkeit geht, in eine vorgegebene Rolle zu schlüpfen. Sondern darum, ganz da zu sein im Moment, statt fortwährend im Schmerz über den vergangenen Verlust zu verweilen. Selbst dann, wenn man bloß eine Spaghetti glaubwürdig verkörpern soll.

Verhoeven lässt die Bühne zum tragikomischen Ort der Selbsterkenntnis werden – und findet in Bruno Alexander einen passenden Hauptdarsteller für sein Unterfangen. Zeichnet sich der junge Schauspieler in den komischen Szenen des Films durch ein oft angenehm zurückhaltendes Understatement aus, überzeugt er umso eindrücklicher mit seinem entfesselten Spiel, wann immer sich Joachims Wut Bahn bricht. Keine Frage: Mit seiner intensiven Performance empfiehlt sich der aus der Comedy-Serie "Die Discounter" bekannte Darsteller auch künftig für große Leinwandrollen.

Hervorragend besetzte Meyerhoff-Verfilmung

Ohnehin ist "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Das gilt sowohl für die weniger bekannten Darsteller der Theaterschüler als auch für Stars wie Karoline Herfurth und Anne Ratte-Polle, die mit sichtlich großer Spielfreude die Lehrerinnen der Schauspielschule verkörpern. Und dann sind da natürlich noch Senta Berger und Michael Wittenborn, die gerade gegen Ende nochmal groß auftrumpfen, wenn der Film allmählich leiser und trauriger wird. Und die eigene Sterblichkeit in den Fokus rückt. "Alt werden, das ist die größte Zumutung von allen", sagt Inge im Laufe des Films zu ihrem Enkel. Es sind auch Szenen wie diese, die "diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" greifbarer werden lassen, als es uns lieb ist. Ab dem 29. Januar 2026 könnt ihr euch davon im Kino überzeugen.

Unser Fazit: Hervorragende Darsteller sorgen für ein tragisch-komisches Kinovergnügen! Manch ein Zuschauer wird sich denken: "Ach, dieser Film, dieser entzückende Film".