Meinung: Darum ist Die Odyssee von Christopher Nolan so erfolgreich
Der Film bedient eine unterschwellige Sehnsucht der Zuschauer
Es ist eine Idee von zeitloser Raffinesse. Eine Idee, von der auch Christopher Nolan in seiner Verfilmung von Homers "Die Odyssee" erzählt. Das Trojanische Pferd. Odysseus lässt seine Gegner glauben, dass es ein Geschenk sei, eine Gabe an die Göttin Athene. In Wirklichkeit versteckt er sich mit seinen Männern im Inneren des riesigen, hölzernen Pferdes. Die Trojaner nehmen das vermeintliche Geschenk an – und leiten damit ihren eigenen Untergang ein. Als es dunkel wird, verlassen die Männer ihr Versteck, töten die Wachen und öffnen das Stadttor, um den Rest des Heeres hineinzulassen. Der Plan geht auf, Odysseus kann den Krieg für sich entscheiden.
In Nolans Interpretation des 3000 Jahre alten Epos spielt das Trojanische Pferd eine zentrale Rolle. Zugleich verkörpert es auf beeindruckende Weise die Herangehensweise dieses Filmemachers, der stets auf echte Kulissen und Menschen setzt. Auf Handwerk statt Rechenleistung. Entsprechend aufwändig und teuer sind seine Filme. Doch der Erfolg gibt dem Regisseur und Drehbuchautor Recht. Nach "Oppenheimer" konnte er mit seiner "Odyssee"-Verfilmung erneut einen gewaltigen Kino-Hit landen. Bereits wenige Wochen nach Release hat der Film weltweit fast eine Milliarde US-Dollar erzielt. Die Menschen strömen ins Kino. Wollen wissen, was es mit dem Film auf sich hat. Wollen mitreden. Doch warum eigentlich? Der Stoff ist doch uralt.
Eine Sehnsucht des Publikums
Erzählt wird von den Irrfahrten eines Helden, der nach dem Krieg endlich nach Hause zurückkehren möchte. Odysseus will seine Familie wiedersehen, die Menschen, die er liebt. Es ist ein Film, der "trotz aller Monster und Wunder von Sehnsucht" handelt, wie der Publizist und Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger bei epd Film schreibt. Und eine gewisse Sehnsucht könnte auch mit dem Erfolg von Nolan zu tun haben. Möglicherweise strömen die Menschen auch deshalb in die Filme des begnadeten Regisseurs, weil es ihm gelingt, eine unterschwellige Sehnsucht der Zuschauer zu bedienen, die in Zeiten von künstlicher Intelligenz zunimmt.
Angesichts von Algorithmen und Deepfakes hat es etwas Erhebendes, das Resultat echten, menschlichen Handwerks auf der Leinwand zu sehen. Etwa das Trojanische Pferd, von Szenenbildnerin Ruth De Jong entworfen, elf Meter hoch und 4.000 Kilogramm schwer. Ganz zu schweigen vom schauspielerischen Handwerk: In den besten Momenten lässt das präzise Spiel von Odysseus-Darsteller Matt Damon eine tief sitzende Verzweiflung erkennen, von der eine KI nichts wissen kann.

Trojanische Pferde der anderen Art
Trojanische Pferde begegnen uns dieser Tage aber nicht nur auf der Leinwand. Manchmal kommen sie auch in Form einer vermeintlichen "Filmkritik" daher, die bloß als schlechte Tarnung für reaktionäre Anfeindungen dient. So bekam Christopher Nolans "Die Odyssee" bereits im Vorfeld viel Gegenwind aus rechten Kreisen. Es ging dabei vor allem um die Besetzung von Lupita Nyong'o, die als Helena und Klytaimnestra zu sehen ist, sowie die Besetzung von Elliot Page, der die Rolle des Sinon verkörpert. Für die "Kritiker" ein willkommener Anlass, sich auf Social Media anhand rassistischer und transfeindlicher Kommentare auszutoben. Ein besonders prominenter Vertreter: der reichste Mann der Welt. Auch Elon Musk ließ seinen Ressentiments freien Lauf und wetterte dabei nicht nur gegen den Film, sondern kündigte auch eine alternative Version des Stoffes an. Realisiert mit seinem KI-Bild- und Videogenerator Grok Imagine. Auf Social Media schrieb er:
"Noch bevor das Jahr zu Ende geht, wird Grok Imagine einen abendfüllenden 'Odyssee'-Film umsetzen, der historisch akkurat ist und Homers Kunst treu bleibt."
Dabei teilte er auch das Video eines anderen Accounts, offenbar als Vorgeschmack, wohin die Reise gehen könnte. Der dreiminütige Clip zeigt eine KI-Variante der "Odyssee", die ebenfalls mithilfe von Grok Imagine entstanden sein soll. Das Ergebnis ist bescheiden.
Was die KI niemals sein wird
Angesichts dieser KI-"Odyssee" können sich Fans von Nolan entspannt zurücklehnen. Aber wie lange noch? Vielleicht wirkt das Ergebnis irgendwann so realistisch, dass wir nicht mehr erkennen können, ob ein Film von einer KI generiert wurde oder Menschen am Werk waren. Regisseure, Schauspieler, Szenenbildner. Keine Frage: Die KI wird ausgefeilter. Eines wird die KI aber nie sein: Christopher Nolan.
Letztlich ist er der zwingendste Grund, ins Kino zu gehen. Die Männer im Inneren eines elf Meter hohen, 4.000 Kilogramm schweren Trojanischen Pferdes mag auch eine KI irgendwann täuschend echt simulieren können. Die spezifische, individuelle Vision der "Odyssee", die Nolan erdacht hat, sein humanistisches Verständnis des Stoffes, kann aber durch keine KI dieser Welt ersetzt werden. Deswegen strömen die Menschen ins Kino. Deswegen wollen sie mitreden. Die meisten wollen nicht unbedingt den neuesten "Oppenheimer"-Film oder die neueste "Odyssee"-Adaption sehen. Sie sind am neuesten Nolan-Werk interessiert. Wollen erfahren, mit welcher Idee von zeitloser Raffinesse er uns diesmal überrascht.
Meine Prognose: Musks KI-Version der "Odyssee" wird niemanden interessieren. Über Nolans Verfilmung wird man auch in 3000 Jahren noch sprechen. Sollte ich falsch liegen, werde ich mich zu dem Zeitpunkt in aller Form entschuldigen.