Tilly Norwood & Co: So verändert KI Hollywood

Künstliche Intelligenz bahnt sich ihren Weg durch die Filmwelt – oft ganz unauffällig

Von Carlos Corbelle Fraga am 8 min Lesezeit

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Hollywood hat Angst vor einer Frau. Das Besondere: Diese Frau ist nicht real. Es handelt sich um die KI-generierte Schauspielerin Tilly Norwood. Kreiert wurde sie von der Produktionsfirma Particle6. Deren Gründerin Eline Van der Velden behauptete auf dem Zurich Film Festival: Mehrere Agenturen seien bereits an der KI-Schauspielerin interessiert. Das sorgte für einen Aufschrei in der Traumfabrik.

Von der US-amerikanischen Schauspiel-Gewerkschaft SAG-AFTRA folgte prompt ein kritisches Statement: Tilly Norwood sei keine Schauspielerin. Sie sei lediglich durch ein Computerprogramm erzeugt worden, das anhand der Arbeit unzähliger professioneller Darsteller trainiert wurde. Ohne Erlaubnis oder Entschädigung.

Auch Hollywood-Stars meldeten sich kritisch zu Wort, darunter "Poker Face"-Star Natasha Lyonne und Emily Blunt. Laut Lyonne sollten alle Talentagenturen boykottiert werden, die mit Norwood zusammenarbeiten. Und auch Blunt brachte ihre Erschütterung zum Ausdruck:

Das ist wirklich, wirklich beängstigend. Agenturen, tut das nicht. Bitte hört auf. Bitte hört auf, uns unsere menschlichen Beziehungen zu nehmen.

In der Reaktion der SAG-AFTRA kommt die ganze Wut und Verunsicherung einer Branche zum Ausdruck, die nicht nur um ihre Arbeitsplätze fürchten muss. Mit der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz steht auch das Fundament Hollywoods auf dem Spiel: die menschliche Kreativität. Tilly Norwood ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Längst hat sich KI in der Filmbranche ihren Weg gebahnt. In vielen Fällen auf ganz subtile Weise. So, dass man es als Zuschauer kaum bemerkt. In diesem Video nehmen wir das Phänomen unter die Lupe und zeigen euch, wo KI schon jetzt in Hollywood eine Rolle spielt!

KI-Einsatz bei Oscarfilmen

KI kommt selbst in gefeierten Dramen wie "The Brutalist" zum Einsatz. Brady Corbets Film über einen Architekten aus Ungarn, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA auswandert, war 2025 einer der heißesten Oscar-Anwärter des Jahres. Tatsächlich wurde Hauptdarsteller Adrien Brody mit der begehrten Trophäe als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Allerdings sorgte das Werk schon im Vorfeld für eine Kontroverse, weil man bei der Aussprache von Brody nachgeholfen hatte. Mit Hilfe eines KI-Tools namens Respeecher sollten seine auf ungarisch gesprochenen Dialoge realistischer wirken. Es ging dabei nur um Nuancen. Um die Feinabstimmung bei der Aussprache von bestimmten Vokalen und Konsonanten. Dennoch kam es zu einer Welle der Empörung. Die Authentizität von Brodys hochgelobter Darbietung wurde auf einmal in Frage gestellt. Dass der Schauspieler sich akribisch auf seine Rolle und die damit verbundene ungarische Aussprache vorbereitet hatte, geriet dabei zur Nebensache.

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Auch bei Jacques Audiards Musical "Emilia Pérez" kam Respeecher zum Einsatz. Hier ging es darum, in den Gesangseinlagen die Aussprache der Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón zu verfeinern. Wie schon im Falle von "The Brutalist" dürfte das den Zuschauern wohl kaum auffallen. Dennoch stellt sich in dem Zusammenhang die Frage, wie es um die Glaubwürdigkeit einer schauspielerischen Performance bestellt ist. Gerade dann, wenn der Zuschauer nicht klar unterscheiden kann, was real und was KI-generiert ist. Vor allem aber nährt es die Befürchtung, dass es nur der Anfang einer tiefgreifenden Entwicklung ist. Einer Entwicklung, an deren Ende keine echten Schauspieler mehr nötig sind, sondern nur noch ganz viele Tilly Norwoods.

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Die Unsterblichen: De-Aging und digitale Auferstehung

Zum Teil unterstützt KI aber auch bestehende Tools – gerade im Bereich des CGI. Erinnert ihr euch an Harrison Ford in "Indiana Jones und das Rad des Schicksals"? Die ersten 20 Minuten des Films zeigen einen Indy in seinen besten Jahren. Das ist keine Maske, das ist pure Rechenpower: KI hat tausende Stunden altes Filmmaterial des Schauspielers analysiert und legte eine jüngere Version über das heutige Gesicht.

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Das klingt technisch faszinierend, wirft aber neue Fragen auf: Wenn wir Schauspieler digital verjüngen oder sogar Verstorbene zurückholen können – wozu brauchen wir dann noch Nachwuchs? Werden wir in Zukunft nur noch Filme mit den immer gleichen 20 Superstars sehen? Wenn das Publikum nur noch Nostalgie will, liefert die KI genau das – in Dauerschleife. Also noch mehr Wiederholung in Hollywood – einer der größten Kritikpunkte in den letzten Jahren.

Kunst aus dem Computer

Doch es geht beim zunehmenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz nicht nur um die Schauspieler. Auch Künstlern hinter der Kamera bereitet die derzeitige Entwicklung in Hollywood Kopfzerbrechen. Ein prominentes Beispiel ist die Marvel-Produktion "Secret Invasion". Genauer gesagt: das Intro der Streaming-Serie. Weil es mit KI generiert wurde, ließ die Empörung nicht lange auf sich warten. Das konnte man auch an der Reaktion des Konzeptkünstlers Jeff Simpson ablesen: Der hatte ein halbes Jahr an der Serie mitgearbeitet und machte dann seinen Frust in einem Social-Media-Post deutlich:

Das "Secret Invasion"-Intro ist KI-generiert. Ich bin entsetzt, ich halte KI für unethisch, gefährlich und glaube, dass sie einzig und allein dazu da ist, um die Karriere von Künstlern zu zerstören.

Übrigens geht es in der Marvel-Serie mit Samuel L. Jackson ausgerechnet um eine außerirdische Verschwörung, in deren Zuge Menschen durch gestaltwandelnde Außerirdische ersetzt werden. Was für eine bittere Ironie angesichts der Künstler, die wiederum fürchten, durch KI ersetzt zu werden.

Die Manipulation fertiger Filme

Künstliche Intelligenz hat auch Einfluss auf die nachträgliche Anpassung von eigentlich fertig gedrehten Filmen. Ein Beispiel: Die Synchronisation. Wir kennen es alle: Oft passt der Ton nicht wirklich zu den Lippenbewegungen, wenn man einen Film in einer anderen Sprache schaut.

Neue KI-Tools wie TrueSync ändern das radikal. Sie passen die Lippenbewegungen der Schauspieler im Bild nachträglich an die gesprochene Sprache der Synchronsprecher an. Das lässt die Grenzen zwischen Original und Bearbeitung komplett verschwimmen.

Noch verrückter wurde es beim Thriller "Fall". Der Film war ursprünglich voller Flüche, was in den USA ein R-Rating bedeutet hätte – also weniger Einnahmen. Statt teurer Nachdrehs nutzte man KI, um die Lippenbewegungen der Schauspielerinnen digital zu verändern und ihnen harmlosere Wörter in den Mund zu legen. Das Ergebnis? Ein jugendfreier Film, ohne dass die Darsteller jemals wieder am Set waren. Effizient? Ja. Aber manipulieren wir damit nicht die ursprüngliche künstlerische Vision?

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Drehbuchautor: ChatGPT

Noch größere Sorgen könnte der US-amerikanischen Filmbranche jedoch ein Film aus der Schweiz machen. 2024 erschien mit "The Last Screenwriter" ein Science-Fiction-Drama, dessen Drehbuch komplett von einer KI geschrieben wurde. Tatsächlich wird im Werk des Schweizer Regisseurs Peter Luisi ChatGPT 4 als Drehbuchautor aufgelistet. Im Mittelpunkt des Films steht wiederum ein Drehbuchautor, der sich angesichts von Künstlicher Intelligenz die Frage stellt, ob KI ihm künstlerisch überlegen ist. Als selbstreferentielles Experiment hat "The Last Screenwriter" einen gewissen Reiz. Dass inzwischen ein kompletter Film von einer KI geschrieben werden kann, dürfte reale Drehbuchautoren jedoch nicht besonders freuen. Schließlich stellt sich auch hier die Frage, ob sie nicht irgendwann einfach durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden. Denn unabhängig von der Qualität des Ergebnisses steht eines jetzt schon fest: Schreibt eine KI das Drehbuch, kann man sich das Geld für ein teures Drehbuch sparen.

KI heißt vor allem: Geld sparen

Und darum geht es doch am Ende: Gewinnmaximierung. Ob dabei Jobs und menschliche Kreativität auf der Strecke bleiben, scheint zumindest einem Hollywoodstar keine Sorgen zu machen: Ashton Kutcher. In Sora, dem generativen Videotool von OpenAI, sieht der Schauspieler die Zukunft des Filmemachens. Im Gespräch mit Ex-Google-CEO Eric Schmidt zeigte sich Kutcher begeistert davon, die Filmbranche mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz wesentlich kostengünstiger zu gestalten:

Warum sollte man für eine TV-Serie eine Außenaufnahme eines Hauses drehen, wenn man einfach die Aufnahme für 100 Dollar kreieren könnte? Würde man die Dreharbeiten vor Ort vornehmen, würde es Tausende von Dollar kosten.

Hollywood wehrt sich

Die Gewerkschaften Hollywoods sehen das Ganze nicht ganz so gelassen wie Ashton Kutcher. 2023 traten die Schauspiel-Gewerkschaft SAG-AFTRA und die Autoren-Gewerkschaft WGA in einen monatelangen Streik, in dem es auch um die Regulierung von KI ging. Das Ergebnis: Man einigte sich mit den US-Filmstudios auf bestimmte Regeln, die in den Tarifverträgen festgeschrieben wurden. Unter anderem wurde bei Schauspielern festgelegt, dass es deren Einwilligung bedarf, um anhand eines Scans von Gesicht und Körper eine digitale Kopie des Schauspielers zu erstellen. Jedoch gilt der Vertrag erst einmal nur für drei Jahre. Und gerade viele Kleindarsteller und Statisten nehmen dieses einfache Geld für den Scan vermutlich trotzdem gerne mit – und machen sich somit langfristig überflüssig.

Die Zukunft des alten Hollywoods steht auf dem Spiel

Hollywood befindet sich in einem Goldrausch, und KI ist die Schaufel. Ob bei der Aussprache von Adrien Brody, den günstig produzierten Drehbüchern oder digitalen Statisten – die Büchse der Pandora ist offen.

Der Erfolg der Gewerkschaften war ein wichtiger Sieg, ein Stoppschild für die totale Automatisierung. Die Frage ist: Wie lange hat das Bestand? Schon bald wird die Technologie Dinge können, von denen wir heute noch nicht einmal träumen.

Na klar: Kino war schon immer Magie und Illusion. Die Frage ist nur: Wollen wir, dass diese Illusion von Menschen erschaffen wird, die fühlen, leiden und lieben? Oder reicht uns eine perfekte Berechnung, die uns genau das zeigt, was wir sehen wollen?