Scapegoat: Scarlett Johansson im neuen Film von Ari Aster

Die Dreharbeiten sollen noch im Laufe des Jahres beginnen

Von Jonas Reichel am 4 min Lesezeit

Ari Aster hat sein nächstes Filmprojekt gefunden. Wie das Branchenmagazin Deadline berichtet, wird er die Regie für den bisher recht mysteriösen Titel "Scapegoat" übernehmen. Auch das Drehbuch stammt aus seiner Feder. Für die Hauptrolle hingegen konnte er niemand Geringeren als Hollywoodstar Scarlett Johansson gewinnen.

Die Verpflichtung der Oscar-nominierten Schauspielerin war allerdings keine Selbstverständlichkeit. Johanssons Terminkalender für dieses Jahr ist ziemlich gut gefüllt. Unter anderem wird sie im kommenden "Exorzist"-Film von Universal mitspielen und neben Robert Pattinson für "The Batman 2" vor der Kamera stehen. Um ihre Teilnahme zu ermöglichen, sollen die Produzenten beschlossen haben, die Dreharbeiten noch in diesem Jahr zu starten.

Über die Handlung des Films ist, wie so oft bei Aster, bislang kaum etwas bekannt. Der Regisseur soll Informationen zufolge aber schon seit dem vergangenen Jahr intensiv an dem Drehbuch gearbeitet haben. Ein Startdatum steht bisher noch aus.

Die verstörende Filmwelt von Ari Aster

Ari Aster hat sich in Rekordzeit von einem Independent-Geheimtipp zu einem der einflussreichsten Regisseure des modernen Kinos entwickelt. Mit seinen bisherigen Werken hat er das Genre des Horrors nicht nur bedient, sondern dekonstruiert. Seine Filme sind keine bloßen Geistergeschichten; sie sind Fallstudien über Trauma, Trauer und den unaufhaltsamen Zerfall der menschlichen Psyche.

Der Schrecken des Erbes: Hereditary

Mit seinem Debütfilm "Hereditary: Das Vermächtnis" (2018) schlug Aster ein wie eine Bombe. Was oberflächlich wie ein Okkult-Schocker beginnt, entpuppt sich schnell als ein beklemmendes Familiendrama. Aster nutzt das Übernatürliche hier als Metapher für vererbte Traumata und psychische Krankheiten.

Die Geschichte der Familie Graham ist geprägt von einer Unausweichlichkeit, die an griechische Tragödien erinnert. Die Kameraarbeit fängt das Haus der Familie oft wie ein Puppenhaus ein – ein Motiv, das die totale Kontrolllosigkeit der Charaktere gegenüber ihrem eigenen Schicksal unterstreicht. Toni Collettes furchteinflößende Darstellung einer trauernden Mutter setzte neue Maßstäbe für schauspielerische Leistungen im Horrorgenre und bewies, dass Aster ein Regisseur ist, der seinen Darstellern alles abverlangt.

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Grauen im helllichten Tag: Midsommar

Während "Hereditary" in dunklen Räumen spielt, ist "Midsommar" (2019) das exakte Gegenteil: Ein "Folk-Horror"-Epos bei strahlendem Sonnenschein. Aster bricht hier mit der konventionellen Regel, dass Horror Dunkelheit benötigt.

Im Kern ist "Midsommar" ein "Trennungsfilm", verpackt in ein rituelles Albtraumszenario in Schweden. Die Protagonistin Dani, brillant gespielt von Florence Pugh, sucht nach dem Verlust ihrer Familie verzweifelt nach Zugehörigkeit. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie eine vermeintlich friedliche Gemeinschaft durch Isolation und radikale Empathie eine Form von emotionaler Gewalt ausüben kann. Die Ästhetik steht in einem verstörenden Kontrast zu der rituellen Brutalität, die sich vor den Augen der Zuschauer entfaltet.

Bild zu MIDSOMMAR Trailer German Deutsch (2019) Exklusiv

Die Odyssee der Angst: Beau Is Afraid

Mit seinem dritten Werk, "Beau Is Afraid" (2023), tauchte Aster tief in den surrealen Albtraum ein. Mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle schuf er eine dreistündige Odyssee, die sich wie eine Mischung aus einer Kafka-Erzählung und einem bösartigen Fiebertraum anfühlt.

Der Film ist eine radikale Auseinandersetzung mit ödipalen Komplexen und der lähmenden Kraft der Angst. Beau ist ein Mann, der vor seiner eigenen Existenz kapituliert hat. Aster sprengt hier alle narrativen Grenzen: Er mischt Animation mit Realfilm und verweigert dem Publikum einfache Antworten. Der Film festigte Asters Ruf als kompromissloser Auteur, der bereit ist, das Budget eines großen Studios für eine zutiefst persönliche und bizarre Vision zu riskieren.

Bild zu BEAU IS AFRAID Trailer German Deutsch (2023)

Die Politisierung des Wahnsinns: Eddington

Mit seinem im letzten Jahr (2025) erschienenen Film "Eddington" hat Ari Aster erneut bewiesen, dass er sich in keine Schublade stecken lässt. Der Film markiert eine interessante Abkehr vom rein psychologischen Horror hin zu einer pechschwarzen, zeitgenössischen Satire mit Elementen des Neo-Westerns.

In "Eddington" verfolgen wir die Geschichte eines ehrgeizigen Bürgermeisters in einer Kleinstadt in New Mexico während einer globalen Pandemie. Aster nutzt dieses Setting, um die tiefe Spaltung der modernen Gesellschaft, Verschwörungstheorien und den moralischen Verfall zu untersuchen. Mit einem hochkarätigen Ensemble – darunter erneut Joaquin Phoenix sowie Pedro Pascal und Emma Stone – erschafft er ein Szenario, das gleichermaßen klaustrophobisch wie absurd ist.

Obwohl der Film weniger übernatürliche Elemente enthält als seine Vorgänger, bleibt der "Aster-Vibe" spürbar: Das Unbehagen speist sich hier aus der menschlichen Unberechenbarkeit und dem sozialen Kollaps. "Eddington" zeigt einen reiferen Regisseur, der seinen Fokus vom individuellen Trauma auf den kollektiven Wahnsinn einer ganzen Nation ausgeweitet hat. Lest euch dazu gern unsere Filmkritik durch.

Asters Markenzeichen: Präzision und Psychologie

Was das gesamte Werk von Ari Aster verbindet, ist seine technische Perfektion. Seine Kamerafahrten sind präzise choreografiert, oft mit langen Einstellungen, die den Zuschauer zwingen, den Blick nicht abzuwenden. Er nutzt Sounddesign nicht für billige Effekte, sondern um ein konstantes Gefühl des Unbehagens zu erzeugen.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Familie oder die geschlossene Gemeinschaft als Ort des Schreckens. Ob durch genetische Vorbestimmung, religiösen Wahn oder politischen Fanatismus – die Bindungen zwischen Menschen sind in seinen Filmen oft toxisch. Aster bleibt ein Meister darin, das Alltägliche in etwas zutiefst Beunruhigendes zu verwandeln.

Fazit: Ein Regisseur für das moderne Unbehagen

Ari Aster hat das Kino des 21. Jahrhunderts geprägt, indem er den Horror intellektualisiert hat, ohne ihm seine visuelle Wucht zu nehmen. Seine Filme sind anstrengend, oft verstörend und lassen einen nach dem Abspann tagelang nicht los. Er fordert sein Publikum heraus, konfrontiert es mit seinen tiefsten Ängsten und schafft dabei Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ari Aster ist ein moderner Meister des Kinos, der uns immer wieder zeigt, dass die schlimmsten Monster nicht unter dem Bett warten, sondern in uns selbst und in unseren Mitmenschen existieren.

Bild zu EDDINGTON Trailer German Deutsch (2025) Joaquin Phoenix, Pedro Pascal